Absturzsicherung auf dem Dach: Rangfolge, Systeme und Nachweise
Auf dem Dach beginnt die Absturzgefahr nach der Arbeitsstättenverordnung bereits bei einer Absturzhöhe von einem Meter, bei Dachflächen mit mehr als 20 Grad Neigung unabhängig von der Höhe. Für Arbeiten über 3 Metern sind Schutzmaßnahmen zwingend, und zwar in einer festen Rangfolge: erst kollektive Sicherungen, dann individuelle. Ein nachgerüsteter Anschlagpunkt kostet zwischen 250 und 600 Euro, ein vollständiges Seilsicherungssystem auf einem Einfamilienhausdach zwischen 1.500 und 4.000 Euro.

Ab wann ist eine Absturzsicherung auf dem Dach vorgeschrieben?
Nach der Arbeitsstättenverordnung und den Regeln der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung sind Maßnahmen gegen Absturz ab einer Absturzhöhe von 3 Metern zwingend. An Arbeitsplätzen und Verkehrswegen auf Dächern mit mehr als 20 Grad Neigung gilt die Pflicht bereits ab einem Meter.
Die Vorschriften richten sich an Arbeitgeber und damit an jeden, der Personen auf ein Dach schickt. Für den Eigentümer, der selbst hinaufsteigt, gelten sie nicht unmittelbar, wohl aber die Verkehrssicherungspflicht gegenüber Dritten und die Anforderungen der Unfallversicherung bei Beauftragung von Handwerkern.
Ein zweiter Anknüpfungspunkt ist das Baurecht. Die Landesbauordnungen verlangen, dass bauliche Anlagen so beschaffen sein müssen, dass Instandhaltung und Reinigung sicher durchgeführt werden können. Für Flachdächer mit regelmäßig zu wartenden Anlagen folgt daraus eine dauerhafte Sicherungsmöglichkeit.
Welche Maßnahme im Einzelfall die richtige ist, gibt eine feste Rangfolge vor.
Welche Rangfolge gilt bei den Schutzmaßnahmen?
Die Rangfolge lautet: erst technische Maßnahmen, die alle Personen ohne deren Zutun schützen, dann Auffangeinrichtungen, zuletzt persönliche Schutzausrüstung gegen Absturz. Individuelle Lösungen sind nur zulässig, wenn kollektive aus technischen Gründen ausscheiden.
Die drei Stufen unterscheiden sich grundlegend in Wirkung und Aufwand:
- Kollektive Sicherung: Seitenschutz, Geländer, Attika mit mindestens 1 Meter Höhe oder ein Gerüst. Wirkt ohne Mitwirkung der Person und schützt jeden auf dem Dach.
- Auffangeinrichtung: Fanggerüste, Dachfanggerüste oder Auffangnetze. Verhindern den Absturz nicht, fangen die Person aber auf.
- Persönliche Schutzausrüstung gegen Absturz: Auffanggurt, Verbindungsmittel, Falldämpfer und Anschlagpunkt. Setzt Unterweisung, Eignung und eine zweite Person für die Rettung voraus.
Die dritte Stufe ist die schwächste und wird trotzdem am häufigsten gewählt, weil sie am günstigsten ist. Sie verlangt dafür organisatorische Voraussetzungen, die in der Praxis regelmäßig fehlen.
Der wichtigste dieser Punkte betrifft die Zeit nach einem Sturz.
Warum reicht ein Anschlagpunkt allein nicht aus?
Eine Person, die in den Gurt gestürzt ist, hängt frei und kann sich in der Regel nicht selbst befreien. Nach 10 bis 20 Minuten bewegungslosem Hängen droht ein orthostatischer Schock durch Blutansammlung in den Beinen. Ein Rettungskonzept ist deshalb Teil der Schutzmaßnahme, nicht ein Zusatz.
Das bedeutet praktisch: Niemand arbeitet allein auf einem Dach mit persönlicher Schutzausrüstung. Eine zweite Person muss anwesend sein, die den Notruf absetzen und die Rettung einleiten kann.
Hinzu kommt die Auswahl des Verbindungsmittels. Die Länge muss so bemessen sein, dass ein Sturz über die Dachkante entweder verhindert oder der Sturzraum unter der Absturzkante ausreichend ist. Bei einem Falldämpfer sind 6 bis 7 Meter freier Raum unter der Kante erforderlich.
In der Praxis wird deshalb meist mit Rückhaltesystemen gearbeitet. Das Seil ist so kurz bemessen, dass die Absturzkante gar nicht erreicht werden kann, und damit entfällt die Sturzproblematik vollständig.
Damit das funktioniert, muss der Anschlagpunkt halten.
Welche Anforderungen gelten für Anschlagpunkte?
Anschlagpunkte müssen nach DIN EN 795 geprüft und für die Dachkonstruktion zugelassen sein, in die sie eingebaut werden. Die Tragfähigkeit ist mit einer statischen Prüflast von mindestens 10 Kilonewton nachzuweisen, bei Systemen für mehrere Personen entsprechend mehr.
Entscheidend ist nicht der Anschlagpunkt allein, sondern der Verbund aus Punkt, Befestigungsmittel und Untergrund. Ein für Beton zugelassener Punkt hält in einer Holzbalkendecke nicht, und ein Dübel in der Dämmebene trägt gar nichts.
Die Hersteller geben für jede Untergrundart eigene Befestigungsvarianten vor. Auf Holz wird in den Sparren verschraubt, auf Beton gedübelt oder mit Verbundanker gesetzt, auf Trapezblech über Lastverteilplatten.
Nach jedem Sturz ist der betroffene Anschlagpunkt auszutauschen, auch wenn er äußerlich unbeschädigt wirkt. Die Verformung liegt im Bauteil und ist von außen nicht erkennbar.
Rechenbeispiel
Flachdach eines Einfamilienhauses mit 90 Quadratmetern, halbjährlicher Wartung von Dachrinne, Lüftern und Photovoltaikanlage. Vier Einzelanschlagpunkte kosten mit Montage rund 1.600 Euro, ein umlaufendes Seilsystem mit Zwischenstützen rund 3.400 Euro. Ein Gerüst für jede Wartung kostet 800 bis 1.200 Euro je Aufstellung, bei zwei Einsätzen im Jahr also 1.600 bis 2.400 Euro. Die feste Sicherung amortisiert sich damit im ersten bis zweiten Jahr.
Die Rechnung erklärt, warum Sicherungssysteme bei regelmäßig begangenen Dächern die günstigere Lösung sind.
Welche Systeme gibt es für Dachsicherungen?
Verbreitet sind Einzelanschlagpunkte, horizontale Seilsysteme, Schienensysteme und mobile Systeme mit Gewichten. Die Auswahl richtet sich nach Dachart, Anzahl der zu erreichenden Stellen und der Häufigkeit der Begehung.
| System | Einsatzfall | Kosten für ein Einfamilienhausdach |
|---|---|---|
| Einzelanschlagpunkt | einzelne Wartungsstelle, Schornstein, Antenne | 250 bis 600 Euro je Punkt |
| Horizontales Seilsystem | durchgehende Bewegung über die Dachfläche | 1.500 bis 4.000 Euro |
| Schienensystem | häufige Begehung, hohe Lastanforderungen | 3.000 bis 8.000 Euro |
| Mobiles System mit Gewichten | Flachdach ohne Durchdringung der Abdichtung | 1.200 bis 3.000 Euro |
| Dauerhaftes Geländer an der Attika | intensiv genutzte Dachflächen | 150 bis 300 Euro je laufendem Meter |
Das mobile System hat auf Flachdächern einen praktischen Vorteil: Es kommt ohne Durchdringung der Abdichtung aus und vermeidet damit die häufigste Ursache für spätere Undichtigkeiten.
Für die Planung und Montage solcher Anlagen sind Fachbetriebe zuständig, die sowohl die Statik der Befestigung als auch die Anforderungen der Norm beurteilen können. Spezialisierte Anbieter wie Roth Absturzsicherungen aus Niedernhall-Waldzimmern planen die Systeme anhand der tatsächlichen Dachkonstruktion und dokumentieren die Montage prüffähig.
Die Dokumentation ist dabei nicht nur eine Formalie.
Welche Prüf- und Dokumentationspflichten bestehen?
Anschlageinrichtungen sind mindestens einmal jährlich durch eine befähigte Person zu prüfen, zusätzlich nach jedem Sturzereignis und nach außergewöhnlichen Einwirkungen. Die Prüfung wird dokumentiert, und die Dokumentation ist aufzubewahren.
Zur Dokumentation gehören die Montagedokumentation des Errichters mit Angabe des Untergrunds und der verwendeten Befestigungsmittel, die Herstellerunterlagen und die Prüfprotokolle. Fehlen diese Unterlagen, gilt die Anlage im Streitfall als nicht nachgewiesen.
Die persönliche Schutzausrüstung unterliegt einer eigenen Prüfpflicht. Auffanggurte, Verbindungsmittel und Falldämpfer werden jährlich durch eine sachkundige Person geprüft, und die Hersteller geben Ablegereifen nach 6 bis 10 Jahren vor, unabhängig vom Zustand.
Wer Personen auf das Dach schickt, muss sie zusätzlich unterweisen. Umfang, Inhalt und Nachweisführung dieser Unterweisung sind im Beitrag zur Unterweisung nach PSAgA beschrieben. Welche Wartungsarbeiten auf einem Flachdach in welchen Abständen anfallen, zeigt der Beitrag zur Wartung von Flachdächern.